Wanderlust

Oct 7, 2003 at 21:32 o\clock

Tunis

by: maple   Category: in touch   Keywords: tunis, tunisia, un, islam, ramadan, tunesien

Dies ist der erste Newsletter eines kleinen Mädchens, das wieder einmal in die weite Welt aufgebrochen ist. Falls Du keine weiteren erhalten möchtest, so gib bitte kurz bescheid. Offensichtlich wird diesmal in Deutsch geschrieben, Schillers und Nietzsches Ethos hochhaltend.

Vergleiche mit den Erlebnissen in Indien zu ziehen drängen sich förmlich auf:

so z. Bsp. werden ähnliche An- und Herausforderrungen an eines

-. Flexibilität

xx das Essen kann schon mal anders ausfallen als im Reiseführer beschrieben

xx Busfahrpläne – gibt’s so was?

xx Treffen/Termine – beginnt man die wirklich um vereinbarte Zeit?

xx die Webervögel im Hof machen morgens um 5 einen Krach deutlich aufweckender Wirkung

-. Geduld

xx Sachen bekommt man nicht sofort erledigt, auch nicht in einer UN Agency

xx spezielle Anti-Mückenplättchen gab’s in sieben Läden bisher nicht

-. Toleranz

xx die Frage nach Hitler taucht wohl überall in der Welt an Deutsche auf, mit viel Feingefühl darf man ergänzen was der Geschichtslehrer verpasst hat über die Nachkriegszeit zu berichten

xx es gibt gar keinen Weg vorbei an der Toleranz des Islam, Konversion sehen die Inhaber der „einzig wahren Religion“ aber gleich noch lieber

xx ebenfalls tolerieren – oder zumindest akzeptieren – muss man ein von dem unseren abweichenden Demokratieverständnis: innere Sicherheit hat den Preis der Meinungsfreiheitsbeschränkung. Mit Empören musste ich feststellen dass auch die UN Agencies davor nicht gefeit sind (mal sehen ob das Java Security Applet vor einem unautorisierten Zugriff sicher ist...)

-. Ekelgrenze

xx von Kakerlaken und Ratten habe ich bisher nur gehört, und auch die Zahl streunender Tiere hält sich weitaus in Grenzen, was wohl, nach Weber auf eine eher weltbeherrschende als harmonistische Religion zurückzuführen ist

xx jedoch gibt es (wegen Nichtpublikation in den Medien) zahlreiche Gerüchte über kursierende Krankheiten, von Menschen oder Nahrungsmitteln übertragbar

xx und auch der Magen-Darmtrakt wird bakterienmässig vor einige Herausforderungen gestellt

xx auch hier scheint der Sinn der Existenz von Klopapier noch nicht zu jedem vorgedrungen sein – also immer schön Händegeben vermeiden...

gestellt.

Auf der anderen Seite stelle ich mit Überraschung fest, welche Aspekte doch so verschieden sind von der hinduistisch dominierten Kultur:

-. Männerdominanz

xx die Machtverteilung zwischen den Geschlechtern ist wegen des Korans erheblich ungleichgewichtiger, wenngleich das Gesetz in dieser Hinsicht das liberalste ist und z. Bsp. das Tragen von Schleiern in öffentlichen Anstalten verbietet

xx als Frau bin ich hier einiges weniger wert, und es ist anzunehmen, dass, wenn ich etwas bei meinen tunesischen Kollegen erreichen will, so einiges dominante Verhalten, wie es zu mir gehört, ablegen und Unterwürfigkeit „spielen“ muss

xx durch diese ausschließliche Objektifizierung ist auch eine intentionslose Unterredung mit dem anderen Geschlecht nicht möglich. Die wollen mich (ausnahmslos bisher!) ins Bett kriegen oder bekehren.

-. Stolz

xx ich mag behaupten dass Inder stärker die Unterwürfigkeit aus kolonialen Zeiten beibehalten haben, was mir gerade bei der Konfrontation mit öffentlicher Bürokratie zugute kam (es hatte geholfen ein Gespräch mit dem direkt Verantwortlichen zu fordern anstatt mich in die Warteschlange einzureihen; im Golfclub wurde ich mit „memsahib“ (Frau des weißen Herren) angesprochen). Hier hingegen ernte ich als Weiße eher Schikanierung als Respekt – Unterwürfigkeit also doppelt: als Frau UND als Weiße

-. schwarz-weiss-Malerei

xx alle Sachen sind gut oder böse, richtig oder falsch. Die Leute (und damit sei angemerkt, dass ich hier nicht generalisieren möchte) sind überzeugt und festgefahren in ihren Paradigmen. Gegenargumente werden zwar zugelassen aber nicht angehört. Dementsprechend wird mir hier keine Toleranz entgegengebracht, damit einhergehend eine mindere Offenheit, die mir die temporäre Integration nicht gerade erleichtert.

Dementsprechend glücklich bin ich, mich vorerst an die Expatriats halten zu können und umfangreichen Zugang zu ihnen zu finden - die deutsche community lerne ich über die Hausbesitzerin kennen, die internationale community (i.e. die mit den Diplomatenautos J) über das Haus der UN.

Mein Aufgabenbereich bei der UNDP umfasst die Erneuerung des Internetauftrittes sowie des Intranets der UN Tunesien. Die technische Seite kooperiere ich mit dem IT Assistenten Khaled, für die inhaltliche Seite steht mir Georges, ein Niederländer, in direkter Relation zur Verfügung. Später werde ich zu jedem der UNDP Tunesien bezüglich des zu explizierenden Wissens Kontakt aufnehmen. Insofern nehme ich eine großartige Vogelperspektive – ähnlich der Aussicht vom Künstlerdörfchen Sidi Bou Said über den Golf von Tunis – ein. Zusätzlich erstelle ich eine Adressdatenbank und schreibe für das in drei Sprachen erscheinende UNDP-Magazin einen Artikel über ein Public Governance Projekt. Ob ich am Tag der UN (24.20.) zu einer Ausstellungseröffnung, zu der alle möglichen Minister und Botschafter geladen sind, mit dabei sein darf, ist noch nicht ganz klar – drückt mir die Daumen! Die Divergenz zwischen Aktiv- und Passivwissen im Französisch ist nach wie vor enorm; so verstehe ich alles kann mich aber nur mit Schwierigkeiten ausdrücken. Außerdem muss ich noch lernen, mich simpler im Englischen auszudrücken – keine leichte Sache...

Ich wohne in der Altstadt, Medina, von Tunis, welche ins 9. Jh zurückreicht und von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Das Haus hat u.A. 4 Gästezimmer, einen kühlen Innenhof, zwei Küchen – alles traditionell mit handgemalten Fliessen gekachelt. Die zwei Besitzerinnen, beide Deutsche, hatten mit sehr viel Ehrgeiz das runtergekommene „maison bleue“ (Blau hier die Farbe der Muse, der schönen Künste) wiederhergerichtet. Dieser Ort stellt mein Refugium, mein kleines Paradies dar.

Leider ist die Medina als solche eher Wohnort des Pöbels, während die es sich leisten können aus der sicheren und stärker verwestlichten nördlichen Banlieue in die Stadt pendeln. Mein Arbeitsweg ist nur 8 Minuten Fußweg durch die Medina, nur leider werde ich da von jedem, der da so abhängt, angemacht. Gut, zugegebenermaßen haben die Typen jetzt zur Kenntnis genommen, dass ich da 2x pro Tag vorbeikomme und lassen mich eher in Ruhe, aber trotzdem muss ich mich fragen, was zum Henker die dazu bewegt mir derart scheußliche Sachen hinterher zu rufen, wie ich sie glücklicherweise nur selten aus dem Arabischen übersetzt bekomme – Ist das die Anstandsregel der unteren Klasse? Dementsprechend bin ich gehemmt, die Stadt mit ihren zahlreichen Sehenswürdigkeiten kennen zu lernen. Jeder Gang wird zum Spießrutenlauf und endet in Frustration. Mich in jedwelcher Form zu wehren, davor wurde mir wegen möglicher aggressiver Reaktion eher abgeraten; trotzdem sträubt sich mein Inneres nach wie vor, der Maxime „le chien aboie et la caravane passe“ (Reaktion mit strikter Ignoranz) statt zu geben anstatt mit einer Reaktion einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Welt zu leisten.